Seit vier Jahren trage ich nun fünf Zehenschuhe, aber immer noch starren mir die Menschen auf die Füße und Ihre Blicke bleiben hängen, bei dem was sie sehen. „Sind das Socken?“ oder „Ist ja originell“, oder auch „Wo kann man die kaufen, die brauch ich“ sind ihre Reaktionen auf meine Fußschützer. Der Schuhsohlenhersteller Vibram hatte vor ein paar Jahren eine super Idee – „Barfuß laufen“ als metaphorischen Aufhänger für diese neue Art von Schuhen zu wählen. Es ist fast so, als wäre man nackt am Fuß. Nur eine kleine Schutzschicht von 2-3 Millimeter ist noch zwischen ihrem Träger und dem Boden zu vernehmen. Für meine Füße begann damals eine ganz eigene Reise, denn diese Schuhe geben einen fast unmittelbaren Kontakt zum Boden wieder, den mir bisherige Schuhe nicht gaben. Zeitgleich verlagerte sich auch der Fokus meiner Yogapraxis schwerpunktmäßig auf die Füße. Ich begriff zunehmend die Bedeutung gesunder Füße für die gesamtkörperliche Konstitution und Gesundheit. Man braucht sich nicht über Schmerzen im Rücken oder im Kopf wundern, wenn man unbewegliche oder gar verkrüppelte Zehen hat. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist der Ansicht, dass die Füße im Kleinen eine komplette organische und energetische Wiederspiegelung des Körpers sind. Und ich kann mich dem nur anschließen.

Seither „achte ich mehr auf meinen Weg“ als zuvor, denn wenn man mit diesen Schuhen mal mit der kleinen Zehe irgendwo hängen bleibt – das macht man ein paar wenige Male, die Schmerzen wirken stark erzieherisch. Es ist sogar so, dass ich mit den Füßen mehr sehe, als früher, da ich den Untergrund taktil besser wahrnehme als in herkömmlichen Schuhen. Andererseits lebe ich zugleich aber auch auf breiterem Fuß, da mein Fußbett sich entspannen konnte und sich links- und rechtsseitig abgesenkt hat. Die meisten Schuhe haben, wenn man Sie quer aufsägen würde, eine Schiffsrumpfform und das ist nicht die Fußform, mit der wir geboren werden. So nehmen uns Air-Dämpfungselemente die wichtige Federarbeit ab, die unser Fuß- und Zehengelenke selbst leisten müssten. Stützelemente im Fersenbereich sollen ein Überrutschen der Ferse verhindern und dicke Sohlen, verhindern Krallbewegungen der Füße und ein Ertastens des Untergrundes erst Recht. Wenn der Fuß seinem eigentlichen Leistungsumfang beraubt wird, reagiert er wie alles, was lebt – es degeneriert. Meiner Ansicht nach haben die meisten von uns schwache Beine und Füße, weil sie nicht mehr in der Form genutzt werden, wozu sie geschaffen sind.

Ich hab den Wechsel komplett vollzogen, ich trage keine anderen Schuhe mehr, außer wenn ein superknackiger Winter kommt, dann hole ich meine Winterboots aus der Versenkung – aber im letztjährigen Winter bin ich mit einer regendichten Variante der „5 Fingers“, wie sie auch genannt werden, super durch den Winter gekommen. Für all diejenigen, die überlegen, sich solche Schuhe zuzulegen, empfehle ich, langsam zu wechseln und immer wieder vorerst auch die alten Schuhe zu tragen und sich behutsam wieder mit den Füßen und Beinen „hoch zu trainieren“. In Amerika liefen Ungeübte gleich ein Marathon in Zehenschuhen und wunderten sich über Schienbeinhautreizungen und ähnliche Überlastungserscheinungen. Man steigt ja auch nicht ungeübt in ein Formel 1 Auto ein und beherrscht es dann – daher erscheint mir sachtes Herantasten  sinnvoller und gesünder.